Mal traurig, mal originell, mal ärgerlich: Bewerbungen im Check.

Die Suche nach neuen Kollegen kann schon ein hartes Brot sein. Besonders, wenn man in einer schillernden Branche unterwegs ist, für die sich mancher als Social Native mitzuarbeiten berufen fühlt. Schließlich ist man ja auf Instagram, Facebook oder Snapchat unterwegs. Das lässt im Umkehrschluss aber auch ein erschreckend banales Bild von den Tätigkeiten einer Social Media Agentur erkennen: wer selber posten kann, ist schon halb für einen tollen Job qualifiziert.

Wir haben für zwei verschiedene Jobs im Social Media Management bei uns Indeed, XING und Instagram genutzt und sehr unterschiedliche Erfahrungen mit der Leistungsfähigkeit der Plattformen gemacht. Davon unabhängig: Nach über 80 (oder mehr) gelesenen Bewerbungen lernt man verschiedene Bewerber-Typen kennen:

1. Der Gießkannen-Typ
Dieser Typus bewirbt sich nach dem Prinzip „je mehr, desto besser“. In der Regel bekommt man nur einen CV zugesandt. Die Bewerber kommen aus unterschiedlichen Berufen. Vertriebler, Sachbearbeiter, Leute aus verschiedenen Marketingberufen – es ist alles dabei. Wie geht man als potentieller Arbeitgeber damit um? Antwort: gar nicht. Wer sich nicht im mindesten darum bemüht zu erklären, warum man zu der ausgeschriebenen Stelle passt, ist raus. Man nennt Anschreiben auch „Motivationsschreiben“. Kein Motivationsschreiben – keine Motivation. Steigerung: der CV ist auf Englisch. Nichts gegen Englisch – aber ist das ein Zeugnis dafür, dass man deutschsprachige Communities betreuen kann? Eher dafür, dass man seinen CV unterschiedslos auch international breit streut.

2. Der Opportunist
Dieser Typus hat nach einem Studium schon einige berufliche Stationen im Marketing oder Vertrieb hinter sich. Ohne klare Linie im Karriereaufbau. Jetzt ist er/sie ohne Job und in einer Sackgasse gelandet. Im CV steht etwas von „umfangreiche Erfahrungen mit Social Media“ für den oder den Kunden. Fragt man nach, verbergen sich hinter den „Erfahrungen“ Micro-Tätigkeiten für Facebook-Seiten von Ärzten, Handwerker oder Baufirmen. Was nicht per se schlecht ist, aber nicht im geringsten der Jobbeschreibung entspricht. Der Opportunist versucht, seinen Lebenslauf schön zu schreiben. Und aus einer Nebentätigkeit einen Kompetenzschwerpunkt zu stricken. Spätestens beim Nachhaken kommt die Wahrheit ans Licht. Menschlich ist diese Taktik verständlich, aber sie führt eben nicht zum angestrebten Ziel.

3. Der Überflieger
Schon von Kind an wurde ihm/ihr von übermotivierten Eltern eingebläut, etwas Besonderes und vor allem Besseres zu sein. Fehler machen nur die anderen. Der Anspruch auf Top Karriere ist elterlicherseits gleichsam verbrieft. Dieser Typus hat die Chuzpe, nach einem durchschnittlichen Bachelor-Abschluss an einer privaten Uni (was sonst..) ein Einstiegsgehalt von mindestens 50k zu fordern. Was macht man mit einer solchen Bewerbung? Richtig…

4. Der Verzweifelte
Ein ganz tragischer Bewerber-Typ. Wurde nach einem längeren Berufsleben mit vielen Erfahrungen in Marketing und Vertrieb irgendwann Opfer von „neuen Strukturen“ in einem Unternehmen und an die Luft gesetzt. Ist schon länger ohne Job und versucht, seine zweifellos profunden Erfahrungen nochmal in einen Neustart einzubringen. Aber leider fast ohne jede verwertbare Erfahrung in Sozialen Medien. Die Absagen an Vertreter dieses Typs sind von allen die schmerzhaftesten.

5. Der Job-Hopper
Sieben Jobs in vier Jahren sind für diesen Typus kein Problem. Schaut man in den CV, war in allen Unternehmen nach 6-8 Monaten Feierabend. Angesprochen auf diese Tatsache kommen vielerlei Erklärungen, warum es hier und dort nicht gepasst hatte. Der eine Job war befristet, der nächste Arbeitgeber hatte etwas versprochen, was nicht eingehalten wurde etc. Nur ein Grund fehlt immer: dass die Ursache für die häufigen Wechsel auch mit dem Kandidaten selbst zu tun haben könnte. Z.B. mit mangelndem Durchhaltewillen. Auch dann, wenn es mal nicht ganz so rund läuft, wie man sich das wünscht. Nicht selten ist dieser Typ eine späte Variante von Typ 3, der erkennen muss, mit seinen Vorstellungen über das Berufsleben immer noch nicht in der Realität angekommen zu sein.

Na klar, es gibt nicht nur diese Bewerber-Typen. Sondern auch die, die passen. Man liest es oft schon zwischen den Zeilen, ob jemand „110% Bock“ auf den Job hat. Was zeichnet erfolgreiche Bewerbungen aus?

1. Formal Top
Keine Rechtschreib- oder Interpunktionsfehler – sehr wichtig, man will ja später auch keine im Redaktionsplan finden müssen.

2. Persönliche Ansprache
Absolutes No Go: Sehr geehrte Damen und Herren. Das zeigt, dass man die Ausschreibung nicht vollständig gelesen hat. Dadurch fühlt sich niemand persönlich angesprochen. Außerdem wichtig: man sollte sich mal Website und Social Media des späteren Arbeitgebers genau ansehen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit…eigentlich. Und auch mal sagen, was einem gefallen hat (oder nicht). Was einen reizt und wo man gerne mitarbeiten würde.

3. Sprache „social“
Steife, förmliche Formulierungen (womöglich haben Papa oder Mama beim Formulieren Pate gestanden) und ellenlange Sätze sind ja nicht so „social“. Wer später Redaktionspläne oder Blogbeiträge schreiben will, sollte auch sprachlich zeigen können, dass er/sie mit Sprache umgehen kann. Mal sachlich, mal smart, mal originell und immer inspirierend.

4. Persönliches Anschreiben
Nie ohne Anschreiben! Dieses sollte auf eine Seite passen, nicht engzeilig geschrieben sein und auf die Ausschreibung eingehen. Keine Worthülsen und schnell auf den Punkt kommen. Mit „Call-To-Action“ am Ende: Angebot zum Kennenlernen oder Telefongespräch. In Social Media Agenturen ist das „Du“ eigentlich selbstverständlich – in SoMe Communities wird ja auch meist geduzt.

5. Authentisch bleiben
Mangelnde Vorerfahrungen müssen nicht immer von Nachteil sein. Es hilft ungemein, sich dazu zu bekennen und offen und lernbereit zu sein. Das wirkt aufrichtiger als ein paar kleinere Vorerfahrungen aufzublasen und als tolle Qualifikation verkaufen zu wollen.

6. Arbeitsbeispiele nennen
Wer selber eine schicke und interaktive Insta-Seite hat, gut und gern fotografiert, schon mal eine SoMe Unternehmensseite gepflegt hat oder selber bloggt, sollte dies auf jeden Fall erwähnen (Links nicht vergessen). Und im besten Fall mit Facts oder Zahlen zum Erfolg hinterlegen. Erläuterungen zum Hintergrund (Ziele, Nutzer, Content Strategie etc.) sollten auch nicht fehlen.

7. Praktika
Sich frisch von der Uni bewerben und maximal über Social Media eine Seminararbeit geschrieben zu haben, ist für ein angestrebtes Traineeship oder eine feste Stelle zu dünn. Schon lange kein Geheimnis mehr: Praktika mit digitalem Schwerpunkt aus Unternehmen oder Agenturen lassen Zielstrebigkeit für den späteren Berufswunsch in der digitalen Wirtschaft erkennen. Auch Erfahrungen in angrenzenden Bereichen – etwa Unternehmensmarketing, Video/Filmproduktionen, Medien – sind sinn- und wertvoll. Bei drei oder mehr aufeinanderfolgenden Praktika im CV (leider keine Seltenheit!) fragt man sich aber als Arbeitgeber automatisch, warum der Kandidat noch keinen festen Job hatte.

Fazit: wer sich mit den Aufgaben einer Social Media Agentur im allgemeinen und den Tätigkeitsfeldern, Kunden und Communities des angesprochenen Arbeitgebers auseinandergesetzt hat und dies auch zeigt, liegt ganz klar als Bewerber vorn und bekommt meist ein Vorstellungsgespräch angeboten. Damit lassen sich manchmal sogar Erfahrungs-Defizite kompensieren. Wer nur nach dem Gießkannenprinzip dem künftigen Arbeitgeber seinen CV vor die Füße kippt, kann es eigentlich besser gleich lassen. Das spart Zeit und Ärger.

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