Aktuelles

Autor: Alexander Malter
Lesezeit: ca. 0 Min.

Die große Leere – Wahlversprechen im Bürgerschaftswahlkampf

Die große Leere – Wahlversprechen im Bürgerschaftswahlkampf 06.02.20

Ich liebe Wahlplakate! Weil sie so herrlich altmodisch-analog sind. Und weil man da immer so schön über grottige Fotos, schräge Layouts und inhaltsleere Wahlaussagen ablästern kann. Die Bürgerschaftswahl 2020 in Hamburg liefert erwartungsgemäß wieder sehr hübsche Vorlagen.

Hier eine kleine, sehr subjektive Auswahl:

Die SPD

Hamburgs größte Partei stellt ihren Top-Mann zum Auftakt ihrer Kampagne vor wie George Orwell den Großen Bruder: suggestiv und leicht finster hat Peter Tschentscher „ganz Hamburg im Blick“. Da kann einem schon ganz schön mulmig werden und man möchte eher nicht so gern ins Blickfeld des obersten Stadtaufsehers kommen. Man weiß zwar nicht, wofür die Hamburger SPD sonst noch so steht, das scheint aber auch (noch) nicht so wichtig zu sein. Leider nur mit einer Aussage in der Hunde-Pinkelzone des Plakats kommt der Veranstaltung der Harburger SPD-Kandidatin ungeplant hohe Relevanz zu: „Gegen den Hass. Was wir gegen Rechts tun.“ Thüringen lässt grüßen.

Die CDU

Kann mir ja nicht helfen, aber Marcus Weinberg sieht auf den Plakaten immer so aus, als ob er es am Vorabend ordentlich hat krachen lassen. Noch müder der Spruch: „Nach links? nach rechts? Nach vorne!“ Das ist so flach und abgewetzt, da kann einem der Kandidat leidtun ob so viel geistiger Uninspiriertheit seines Wahlkampfteams. „Where is the beef?“ möchte man ihn gerne fragen. Immerhin ist er, wer wollte dazu schon Nein sagen, für „Grünflächen erhalten“ und will Wirtschaft und CO2-Ausstoss versöhnen. Na ja, the same old CDU soup irgendwie mit einer Prise CO2-Schutz. Liebe CDU, so schafft ihr das nie. Sagt den Leuten doch lieber mal, warum sie euch wählen sollen.

Die Grünen

Etwas spitzbübisch grinst die Spitzenkandidatin von den Großflächen herunter: „Erste Frau. Erste Grüne. Erste Wahl“ strotzt es da vor grünem Selbstbewusstsein. Weniger anmaßend wäre mehr gewesen, liebe Katharina Fegebank. Eigentlich drückt der Spruch doch auch eher die Karriere-Hoffnung auf das Spitzenamt im Senat aus. Da möchte man als Wähler fragen: What’s in for us? Dazu kommt, dass das Plakat eine programmatische Null-Aussage ist für eine Partei mit echtem Anliegen … „Die Zeit ist jetzt“ bindet als Hohlaussage die grünen Wahlplakate auch der übrigen grünen Kandidaten ab. „Wann auch sonst?“ möchte man zurück fragen. Fazit: Wenn man von Wirtschaft bis Öko-Milieu Everybody‘s Darling sein will, kann wohl nicht mehr inhaltliche Substanz herauskommen.

Die FDP

„Die Mitte lebt“ leuchtet uns grell Frau von Treuenfels entgegen. Na ja, in Thüringen leuchten die eigenen Freunde ja gerade eher nach rechts als zur Mitte. Immerhin punktet die Partei werblich im Gegensatz zu anderen an Bäumen und Straßenlaternen mit vielen programmatischen Aussagen. Und Anna von Treuenfels, im letzten Kommunalwahlkampf rein fotografisch betrachtet eher noch Mädel vom Lande, setzt sich nur Monate später influencermäßig-trendy als liberales IT-Girl mit Lederjäckchen, Pulli und weißen Sneakern in Szene. Chapeau, das nenn ich mal einen Image-Turnaround. Das jeden guten Geschmack peinigende Gelb-Rot-Magenta der Plakate knallt von allen Parteien am meisten. Da scheint sich die Werber-Vergangenheit des Parteivorsitzenden mal richtig ausgezahlt zu haben.

Die Anderen …

„Hamburg mach‘s wie …“ empfiehlt uns VOLT. Mit einem um Sichtbarkeit im schrägen Streifen-Look bemühten Plakat werden uns andere Städte als Vorbilder vor die Nase bzw. Augen gehalten. Leute, fällt euch denn selbst nix ein für Hamburg, muss man woanders Ideen kupfern, haben wir in dieser tollen Stadt keine eigenen mehr? Hamburg, mach‘s lieber mit Hamburg, möchte man antworten.
Die Linke versteckt wohl lieber ihr Personal und kommt gleich mit ihren bekannten Themen aus dem Bund Mindestlohn, Stopp für Waffenexporte, Pflege etc. zur Sache. Man hat den Eindruck, die haben einfach die Plakate von der letzten Bundestagswahl wieder aus dem Keller geholt. Habt ihr auch Hamburg-Themen auf dem Schirm?
Eher leise im politbunten Straßenbild ist (noch) die AfD. Man sieht zumindest im Bezirk Altona ziemlich wenig von ihr. Der Kandidat etwas blässlich, die Sprüche eher mau („Innovationen statt Verbote“). Vielleicht kommt aber auch noch der große Blau-Bang und unsere politischen Rechtsaußen hauen in den letzten Tagen vor dem Wahltag nochmal ordentlich was raus.

Die Exoten

Der ÖDP geht es nur ums ganz Große, kleiner und hamburgischer geht es nicht: „Mensch vor Profit“. Klaro, wer wollte da schon Nein sagen?? Der blaue Planet als Key Visual ist hübsch, man möchte nur gern wissen, was Aussage und Visual miteinander zu tun haben.
Die „Partei für Gesundheitsforschung“ kommt mit einem glaubhaft klingenden Anliegen. Sie will Alterskrankheiten heilen helfen. Gute Idee, denn wir werden ja alle früher oder später mal alt. Die Aufrichtigkeit des Anliegens wird durch den betont unwerblichen Plakatauftritt und der Verweigerung sämtlichen Stylings der darstellenden Person eindrucksvoll unterstrichen.
Mein persönlicher Favorit aber ist eine aus vielen Wahlkämpfen bekannte Kandidatin aus Altona. Bérangère Bultheel – schon im Namen schwingen Klang und Exotik. Die seit Jahren stets gleich von ihren Plakaten Mona Lisa-gleich herunterlächelnde Blondine hat gleich ihr ganzes Wahlprogramm aufs Plakat gekippt. Die knallig-rot untermalten Forderungen lassen kaum Platz für ihr Konterfei. Sie positioniert sich als „ökolinksliberal“ und fordert „Mehr Freiheit, Demokratie und Wohlstand für alle“, „Günstige Mieten“ oder „GEZ abschaffen!“ Wow, warum nur ist da noch keiner drauf gekommen! Tja liebe SPDCDUFDPGRÜNELINKEAFD, da nehmt euch mal ein Beispiel, die Dame hat ein paar knallharte Messages! Daher lautet ab heute die Devise: von Bérangère lernen heißt siegen lernen!

PS: Liebe Alle! Ob ihr dem Klimaschutz mit euren Plastikplakaten plus Kabelbinder statt der guten alten beklebten Holzständer einen Gefallen getan habt, mag dahin gestellt sein. Blöd nur, wenn die Dinger unaufhaltsam am Laternenmast nach unten in den Dreck rutschen, dabei sogar manchmal zerbrechen oder nach kurzer Zeit das untere Drittel mit Spritzwasser oder Hundepipi verdreckt oder von Büschen verstellt ist. Merke: Neu heißt nicht immer besser.

Zum Weiterlesen
Digital hilft stationär
Nie ohne Strategie!
Social Media 5x effizienter nutzen: