Aktuelles

Autor: Alexander Malter
Lesezeit: ca. 6 Min.

Deutschlands schlechtestes Unternehmen?

Eigentlich fahre ich am liebsten Auto. Obwohl mir die CO2-Debatte ein immer schlechteres Gewissen macht, besonders bei Fernreisen. Was liegt daher näher als die Idee, Menschen und Güter mit 100% regenerativem Naturstrom CO2-neutral auf Schienen schnell und sicher zu transportieren? Das ist eindeutig smarter und nachhaltiger im Vergleich zum CO2-intensiven Individualverkehr….schöne Idee, wäre da nur nicht die Deutsche Bahn.

Nicht selten muss ich zu unvermeidlichen Dienstreisen, meist vom Standort Hamburg, ins Ruhrgebiet oder Rheinland. Unter normalen Umständen wäre das Reisemittel kein Abwägen Bahn vs. PKW wert: klar, Bahnfahren. Zumal mit Bahncard 50. Aber die jahrelange Erfahrung lehrt Vorsicht. Gerade auf dieser Strecke gehört die Verspätung zum ungeschriebenen Fahrplan wie das versalzene Chilli Con Carne auf die Speisewagenkarte. Die Frage lautet: Verspätung „nur“ 20 Minuten? 1 Stunde? Noch mehr oder gar Ausfall? Wie viel Sicherheitsreserve sollte man bis zum Termin einplanen? Komme ich auch noch abends nach Hause? Was wird dieses Mal der Grund für die Verspätung sein? „Personen auf der Fahrbahn“ (wird anscheinend immer beliebter), „brennender Busch“, „Polizeieinsatz“, „zugefrorene Weiche“, „Vandalismus“? Na klar, Schuld sind immer die anderen. „Die Verspätungsbilanz hat sich gegenüber dem Vorjahr gebessert“, gab die PR-Abteilung der Bahn neulich stolz bekannt. Kann ich persönlich nicht bestätigen. Wenn man nur die IC und ICE-Strecken nimmt, sieht die Lage vermutlich ganz anders aus. Von 10 Bahnreisen sind 9 verspätet. Ohne Übertreibung. Über die eine pünktliche wundert man sich. Der unpünktliche ist der Normalfall. Verkehrte Welt.

Nächste bange Frage: Sollte ich eine Flasche Wasser oder eine Thermoskanne Kaffee mitnehmen? Weil wieder kein Speisewagen mitfährt. Oder der zwar mitfährt, aber von Anfang an defekt ist. So geschehen ungezählte Male, das letzte Mal im IC 2023 Hamburg-Dortmund, heute am 18.6.19. Dass entweder die Kaffeemaschine kaputt ist oder die Kühlung der Getränke oder beides zusammen ist eigentlich Regel, nicht Ausnahme. Oder sollte man ein Reservehemd mitnehmen für ausgefallene Klimaanlagen im Sommer? Damit man nicht mit tellergroßen Schwitzflecken im Meeting sitzt und dabei stinkt wie ein Iltis? Oder doch besser einen Extra-Schal für eiskalte Zugluft in der Nähe eines Austrittsschachts der bis zum Anschlag aufgedrehten Klimaanlage? Man sollte ohnehin nicht damit rechnen, dass die Reservierung funktioniert. Entweder hat sich „die Wagenreihung geändert“ oder es fahren „Wagen mit, die so nicht geplant waren“. Oder das „System ist leider ausgefallen“. Deutsche Bahn, der Ausfall bist du.

Das Schlimme an alledem: Bahnfahren ist unkalkulierbar geworden, wenn man Termine hat und nicht schon am Vorabend anreisen will. Ich fahre mittlerweile die Strecke Hamburg – Richtung Westfalen grundsätzlich nicht mehr über Hannover, weil der ein paar Minuten spätere Anschlusszug wegen Verspätung aus Hamburg „leider nicht warten konnte“. Schade eigentlich. Ein so tolles, zukunftsträchtiges Verkehrsmittel und eine so erbärmliche Performance eines kaputt gesparten Unternehmens Marke Mehdorn. Von den regelmäßig wiederkehrenden Streiks anmaßender Mini-Gewerkschaften ganz zu schweigen, die Millionen Menschen Zeit und Nerven und Unternehmen viel Geld kosten. Oder den vielen verspätungsintensiven Bahn-Baustellen, die wieder mal anstehen in der nächsten Zeit. Nicht nur die Autobahnen und die Innenstädte sind eine gefühlt langsam zusammenwachsende Gesamt-Großbaustelle. Mit systemimmanenter Verspätung gesellt sich künftig auch noch die Bahn dazu. Arme Pendler, arme Vielreisende …

Die Zukunft des Verkehrs kann aber nur Bahnfahren lauten. Dies um so mehr, nachdem nun auch die Politik die Einschränkung des innerdeutschen Flugverkehrs diskutiert. Wenn die Penner in Berlin wenigstens vorher über eine funktionstüchtige Alternative in Form einer zuverlässigen, pünktlichen, schnellen und serviceorientierten Bahn nachgedacht hätten, könnte man die Überlegung, weniger innerdeutsch zu fliegen, ja noch verstehen. So soll ein ohnehin völlig überfordertes Verkehrsmittel mit einem ebenso überforderten Management auch noch Zigtausende neuer Kunden verkraften, die nicht mehr fliegen sollen. Geht´s eigentlich noch?

Oft habe ich mich schon gefragt: Wenn es sich nicht um einen (weitgehenden) Monopolisten handeln würde – könnte ein so schlecht organisiertes Unternehmen mit klapprigem Fuhrpark wie die Bahn im freien Wettbewerb mit anderen Bahnanbietern wohl überleben? Kaum. In einem mal wieder völlig überfüllten, stickigen, ranzigen Zug mit Menschen ohne Sitzplatz in den Gängen, ohne Getränke, mit notorisch zu wenigen und daher urin- und kotüberfluteten Klos – und das Ganze bei einem nicht gerade günstigen Fahrtpreis – kommen dem gequälten Bahnfahrer in Deutschland Ohnmachts- und Wutphantasien. Warum nicht dichtmachen, den Laden? Nur die motivierten und freundlichen Schaffner/-innen, Zugbegleiter, „Service“-Personal etc. sollten eine neue Chance in einem Nachfolgeunternehmen erhalten. Dann auch gern mit besser sitzenden Uniformen und passabler Englischaussprache. Das Management, besonders was im Bahnvorstand geparkte und völlig inkompetente Politiker aus Berlin angeht, sollten sich aufs Altenteil zurückziehen. Alte Züge sollten in den Schrott, neue, zusätzliche Bahnlinien gebaut werden. Damit auch endlich mal mehr Güter auf die Schiene kommen und die durchgängig von CO2-pestenden LKWs belegte rechte Spur auf Deutschlands Autobahnen verschwindet.

Und dann sollte die „Neue Deutsche Bahn“ gegründet werden! Was für eine schöne Vorstellung! Saubere und angenehm klimatisierte Züge, freundliche und motivierte Zugbegleiter, zuverlässige und pünktliche Verbindungen, stets kalte und heiße Getränke und Speisen, womöglich sogar mit Geschmack…wie schön könnte Bahnfahren doch sein! In anderen Ländern ist es das sogar. Warum nicht bei uns?

PS: dieser Beitrag wurde auf einer frustenden Hinreise mehr von Hamburg nach Düsseldorf geschrieben.
Epilog von der Rückfahrt: auf zwei Bahnhöfen wurde kurzfristig vor dem Eintreffen des Zuges das Einfahrtsgleis gewechselt. Ich frage mich, was ich als Mensch mit Handycap bzw. schlimmer noch, im Rollstuhl gemacht hätte. Ich hätte den schnellen Wechsel im vollen Lauf quer durch den Bahnhof selbst mit Hilfe der Bahnhofsmission definitiv nicht geschafft. Und wäre auf den Nachfolgezug angewiesen gewesen.

Natürlich hatte auch unser Zug zurück nach Hamburg 20 Minuten Verspätung und einen Klimaanlangenausfall in einem Waggon. Die armen Fahrgäste dort wurden vom Schaffner in die übrigen, auch nicht gerade leeren Waggons gescheucht. Speisewagen gab‘s nicht, Getränkeservice auch nicht.

Bitter, Deutsche Bahn, so bitter.

 

Mit dem Motiv links hat die Bahn mal vor vielen Jahren geworben.
Daneben ein kleiner Aktualisierungsvorschlag für’s Hier und Heute 😉
Zum Weiterlesen
Die Sozialen Medien sind an allem schuld!
Die neue Aufrichtigkeit – oder alles nur Marketing?
Silver Surfer – die missverstandene Kategorie